Dienstag, 27. Oktober 2009 27.10.09 14:28 Alter: 317 days

Der Kommissar und der liebe Gott

Kurios: Kluftinger, der ständig fluchende Hauptkommissar, als Aufhänger für eine Kirchenpredigt. Und zwar im hessischen Heppenheim. Gibt's nicht? Gibt's doch: Eine Pastorin (wenn auch selten: das gibt's inzwischen sogar im Allgäu) hat in einem bayerischen Krimigottestdienst den Allgäuer Grantler zum Gegenstand ihrer Predigt gemacht. Da können wir nur sagen: Vergelt's Gott!

Hier der Artikel aus der Wormser Zeitung:

Von Yasmin Hameed

GOTTESDIENST Krimi-Predigt in Heppenheim

Pfarrerin Ingrid Beiersdorf ist ein echter Krimifan: Mit einem "bayrischen Krimigottesdienst" hat sie nun am Sonntag dieses durch und durch weltliche literarische Genre zur Grundlage einer ungewöhnlichen Predigt gemacht.

Nach dem gemeinsamen Gesang und Gebet mit den rund 40 Gottesdienstbesuchern, die sich in der evangelischen Kirche eingefunden hatten, las die Pfarrerin zunächst drei Auszüge aus dem Kriminalroman "Seegrund" von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Warum sie sich aber nun gerade für einen Krimi aus dem Allgäu entschieden hat?

Hier hat vor allem ihre persönliche Vorliebe für das Autorenduo Klüpfel und Kobr den Ausschlag gegeben, wie sie einleitend erzählt. Äußerst humorvoll werde in den Geschichten um den liebenswert altmodischen Kommissar Kluftinger die Schilderung spannender Kriminalfälle an authentischen Orten mit Herzenswärme und offenkundiger Heimatliebe verbunden.

Gerade diesen menschlichen Aspekt, die Schilderung von Kluftingers Privatleben mit all den kleinen und größeren Alltagsproblemen, hat die Pfarrerin auch in den ausgewählten Textstellen in den Vordergrund gestellt: Von dem eigentlichen Fall, einem toten Taucher im Alatsee bei Füssen, erfahren die Gottesdienstbesucher an diesem Abend nichts. Stattdessen liest Ingrid Beiersdorf ein Kapitel, in dem das Ehepaar Kluftinger mit Sohn Markus und dessen neuer Freundin Juniko ein japanisches Restaurant besucht. Dass nun Kluftinger zum ersten Mal in seinem Leben mit Sushi konfrontiert wird und ungemein hilflos auf derartige kulinarische Herausforderungen reagiert, passt schließlich auch zu der Weiterführung, in der er seinen Unmut und sein Unverständnis gegenüber neuer Technik und den digitalen Medien kundtut. Obgleich die Schilderung durchaus amüsant war - wie sich aber Anknüpfungspunkte für die nachfolgende Predigt ergeben sollten, konnte man sich jetzt noch nicht so recht vorstellen.

Pfarrerin Ingrid Beiersdorf wählte dafür die Figur des Kommissars selbst, den sie als "Symbol für die Stellung der Vernunft in der modernen Zeit" deutete. In einer unübersichtlichen, gar unvernünftigen Welt, in der die Trennung zwischen Gut und Böse nicht eindeutig zu durchschauen und nicht jede Handlung auf die Gesetze der Logik zurückzuführen sind, muss sich der Protagonist des Romans zurechtfinden. Ein Problem, das allgemein gesprochen, die meisten von uns kennen, wie die Pfarrerin darlegte. "Welche anderen Kräfte sorgen für Halt und Orientierung?", lautete ihre Frage. Die Antwort: In letzter Instanz sei es der Glaube an die grundsätzliche Würde der Menschen, die es zu beachten gelte. Dies beinhalte auch die Aufforderung, sich nicht innerlich anzuwenden, sondern den Glauben an das Gute im Menschen aufrecht zu erhalten, so ihr Fazit.